Leseprobe aus Buch 2

„Sind wir jetzt endlich wieder in Deutschland“ Sieben Worte aus dem Mund des achtjährigen Kindes. Sie sagen es gnadenlos, es sind Welten zwischen Ost und West. Ernst, unser Sohn, hat in diesen Tagen als wir nach mehr als fünf Jahren zurück in unsere ehemalige Heimat nach Sachsen reisen durften, sofort gespürt, dass so vieles ganz anders ist, ganz anders als bei uns im Westen. So viel ist in den letzten Tagen auf uns eingestürmt. Ich brauche jetzt erst einmal Ruhe, um alles zu verarbeiten; die Begegnungen mit früheren Freunden und Bekannten, das Familientreffen nach fast sechs Jahren und die bittere und schmerzhafte Antwort auf die Frage, was Entfernung kann. Ich hätte nämlich nie gedacht, dass wir uns alle in den wenigen Jahren so verändern. Doch das haben wir. Ich bin nicht mehr wie damals, inzwischen anders als meine Schwestern und als meine Eltern. Früher beim Telefonieren und beim Briefe lesen, da ist mir das gar nicht aufgefallen. Aber jetzt wird mir immer mehr klar, unser Entschluss 1984 auszureisen, war richtig.

An den nächsten Tagen muss ich oft über unseren Besuch in der DDR erzählen und Eindrücke schildern. Die Nachbarschaft und mein Arbeitsumfeld sind sehr interessiert am Leben auf der anderen Seite und über das, was sich dort tut. Ich sehe, für die meisten Menschen ist das andere Deutschland weiter weg als Frankreich, die USA oder gar der Mond.

Das Jahr 1989 ist zu Ende und ich sitze wieder an meinem Schreibtisch bei der Handwerkskammer in Koblenz, wo ich seit Oktober im Presseteam arbeite. Wir konzipieren eifrig die nächste Ausgabe unserer Zeitschrift „Handwerk Special“. Sie wird in der Druckerei der „Rhein Zeitung“ in Koblenz gedruckt und liegt einmal im Monat samstags als Beilage in der „RZ“.

In den Anfängen des Jahres 1990 schaut alles in Richtung DDR und noch weiter in Richtung Osterweiterung. Da ist bei der Handwerkskammer mein „Eingeweihtenwissen“ sehr gefragt. In der Presserunde hört mir mein Chef gebannt zu, wenn ich über mein Leben in der DDR erzähle. Er ist ein Visionär, das kommt nicht nur der Handwerkerschaft, sondern auch Koblenz und dem ganzen nördlichen Rheinland-Pfalz zu Gute. Jetzt erahnt er die Chancen und Möglichkeiten, die sich in diesem Aufbruchsjahr bieten. Neue Märkte erobern und darüber hinaus Hilfestellungen leisten,  damit ostdeutsche Handwerker sich in der für sie noch unbekannten Marktwirtschaft zurecht finden können.

Der Sommerurlaub rückt näher. Diesmal schnüren wir unser Bündel und nutzten unsere wiedergewonnene Reisemöglichkeit in die DDR, um nach Sachsen zu fahren. Irgendwie haben wir Sehnsucht nach unserem Gartengrundstück und wollen sehen, was daraus geworden ist. Seit dem 1. Juli 1990 gibt es keine Grenzkontrollen mehr an der innerdeutschen Grenze und ebenfalls ab diesem Tag, praktisch über Nacht, ist die D-Mark offizielles Zahlungsmittel in der DDR. Die Menschen „drüben“ haben praktisch dem Westgeld entgegengefiebert. Sie sehen es als Schlüssel für ihr Heil und zur Lösung all ihrer Probleme. Der Umtausch ihrer in den DDR-Jahren angesparten DDR-Mark-Schätze wird sehr kulant gehandhabt. Denn wert war das alte Geld ja nicht mal das Papier, worauf es gedruckt war. Aber die Leistungen der Menschen, die es meist hart erarbeitet hatten, wurden dagegen auf die Waage gelegt. Ich meine, eine gute Sache.

Es ist ganz schön was los auf der Autobahn. Viele Westautos in Richtung Ost und Trabis, Ladas und Wartburgs in Richtung West. Das Neue ist zu spüren. Mittlerweile geht es durch Thüringen, vorbei an der Wartburg und an drei weiteren  geschichtsträchtigen Burgen, der Burg Gleichen, der Wachsenburg und der Mühlburg,  genannt „Die Drei Gleichen“. Diese drei Burgen wurden der Sage nach im Jahre 1231 von einem Kugelblitz getroffen und brannten wie drei gleiche Fackeln.

Dann endlich Karl-Marx-Stadt. Bald sind wir in Meißen bei meinen Eltern. Liebevolle Begrüßung und große Freude über die mitgebrachten Dinge. Wir wissen eben, wie wir unsere Familie glücklich machen können.

Am nächsten Tag wollen wir dann nach Sebnitz zum Gartengrundstück, dass wir notgedrungen vor unserer Ausreise 1984 auf meine Elternübertragen mussten, um überhaupt die Ausreiserlaubnis zu bekommen. Ausreisende durften ja keinerlei Vermögen mehr in der DDR besitzen. Wir hatten uns damals mit meinen Eltern darauf verständigt, dass das Grundstück wieder auf uns zurückübertragen wird, sobald dieses irgendwie und irgendwann möglich sei. Diese Möglichkeit scheint jetzt in greifbare Nähe zu rücken. Inzwischen haben wir nämlich erfahren, dass ein quasi erzwungener Verkauf vor einer Ausreise, rückabgewickelt werden kann und ich hoffe, dass mein Vater sich an die damalige Absprache hält.

Alle Rechte vorbehalten 2019 (c) Petra Pansch 

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Petra Pansch Autorin