Storyboard
"Die Panschs"
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Lydia - Die Ambitionierte, die Manipulative, die Tragische
Rolle im Roman
Lydia ist die Antagonistin, aber keine eindimensionale. Sie ist kompklex, verletzlich, ehrgeizig, zerstörerisch.
Textauszug Buchseite 31
Fein gemacht hat sie sich, ein Etui-Kleid mit einem kastenförmigen Jäckchen darüber. Ihre Freundin Ella, die neben ihr sitzt, sieht so ähnlich aus und hat alles genäht. Sie hatte den Schnitt von einem Foto abgekupfert, das Jacqueline Kennedy, die hübsche Gattin des amerikanischen Präsidenten zeigt. Die beiden jungen Frauen finden nichts dabei, ein wenig so auszusehen wie diese kapitalistische Dame. Ihre Gesinnung ist trotzdem auf den Sieg des Sozialismus ausgerichtet und außerdem steckt das Parteibuch in ihren Handtaschen. Lydia kann beim besten Willen nicht ahnen, was gerade in der Frauenklinik in Sebnitz, in Sachsen, geschah. Es wäre ihr auch vollkommen schnuppe gewesen, dass dort just beim donnernden Applaus hier, ein Mädchen mit blonden Borstenhaaren das Licht der Welt erblickt. Lydia selbst ist hungrig auf das Leben. Eigene Kinder, die spielen dabei keine Rolle. Fremde Kinder schon, denn die 23-Jährige ist Lehrerin. Ihre Aufgabe ist es, ihnen das Einmaleins, Deutsch und auch Ordnung nebst Sauberkeit beizubringen. Und überhaupt sie im Sinne der sozialistischen Weltanschauung zu erziehen. Sie genießt es, heute hier zu sein. Das Programm gefällt ihr und bei den meisten Liedern ist Lydia textsicher. Russisch ist nun mal eine Sprache, die ihr leichtfällt und sie singt laut mit. Ihre Handflächen sind schon rot, vom Takt klatschen. Die Freundin schaut von der Seite. Nein, nicht schon wieder. Genauso war es damals, als beide nach der 10. Klasse für drei Jahre mit der Berufsausbildung begannen. Sie hatten Glück, hatten aber auch einiges dafür getan; viel gelernt und sich bei den Lehrern eingeschmeichelt. Dann das Abschlusszeugnis und das Wichtigste aber, die Beurteilung über ihre vorbildliche gesellschaftliche Arbeit, in den Händen. Raus aus ihrem Kaff, endlich. Die beiden Freundinnen fuhren nach Berlin. Am Institut für Lehrerbildung begann ein freies Leben, fernab vom Kuhdorf, Schlaglochstraßen und weltfremden Dorfbengels.