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„Petra schreiben sie doch mal ein Buch über ihr Leben in der DDR“,

das sagte er bereits 1984, kurz nach unserer Ausreise und nach vielen Gesprächen mit ihm. Doch damals hatte ich andere Sorgen und war auch dazu noch nicht bereit, zu kurz war der Abstand und vielleicht auch zu einseitig, die Sicht auf mein Leben.

Aber die eigene Geschichte zu schreiben, das ist was ganz anderes als ein Portrait oder eine Reportage zu verfassen, so wie ich es noch aus meiner Journalistenzeit kenne. Es ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Viel ist in meinem Leben passiert und ich werde alles noch einmal spüren; herzliches Lachen, bittere Tränen, Irrwege, Erfolge und Verletzungen. Ich taste mich an meine Geschichte. Fotos, eine Kiste mit Zeugnissen, Urkunden, Arbeitsverträgen, meinem Diplom und ein paar Briefe. Das ist alles, was mir vom Leben in der DDR blieb.

Die in rosa Schleifchen gebundenen Briefe, Poesiealben, Tagebücher, Tanzkarten, gepresste Blumen und zu Himmel-und-Hölle gewordene Mädchenträume, warf ich am 27. März 1984 in die lodernden Flammen, die im Kachelofen unserer Sebnitzer Wohnung in der Pablo-Neruda-Straße loderten. Dabei liefen mir Tränen die Wangen hinab, doch ich stocherte tapfer mit dem Feuerhaken und die Glut fraß sich hungrig weiter. Das alles wollte ich nicht einmal meiner Familie anvertrauen, das waren ganz allein meine Erinnerungen und meine kleinen Geheimnisse.

Sämtliche Korrespondenz über unsere Ausreise, in der ich jetzt blättere, die hatte mein Vater für mich aufbewahrt und mir nach der Wiedervereinigung zurückgegeben.

Das Dinghafte und mein Gedächtnis, das ist mein Plot. Doch ich tue mich schwer, sitze am Laptop, schreibe, verwerfe, lösche und das wieder und wieder. Ich finde keinen Takt. Dann die Nacht, in der ich endlich begreife, dass ich in Chemnitz beginnen muss. Im geschichtsträchtigen Volkshaus in der Zwickauer Straße, dort spielt seit Beginn des 20. Jahrhunderts unsere Familiengeschichte. Jetzt kann ich sie schreiben, manche Seite schneller, manche langsamer. Wie im Leben; Freudiges ist leichter, in Worte zu fassen, das Gegenteil tut weh. Aber ich habe Zeit, mich drängt keiner. Dieter, mein Lebensgefährte, ist ein liebevoller Begleiter, Betreuer und Tröster, aber auch einer, der es sagt, wenn ihm eine Formulierung nicht gefällt oder eine Handlung noch etwas mehr Erklärung bedarf. Wir sind ein gutes Team. Ich habe jetzt meinen Takt gefunden, am Laptop und mit Musik aus dem Kopfhörer. Der Rhythmus dieser Zeit auf den Ohren bringt mich dazu, alle Bilder von damals noch intensiver vor Augen zu haben. Diese Bilder bekommen noch mehr Kontur durch die DDR-Geschichte. Anhand meines Lebens möchte ich ein Teil der Geschichte meines Geburtslandes erlebbarer und begreifbarer machen, eine Recherche in Politik, Wirtschaft und Kultur. Ich schmunzle, erschrecke und schüttle vor Verwunderung den Kopf darüber, wie wir mit Einfallsreichtum, Humor oder sogar Stillhalten diese Zeit hinnahmen. Doch damals war es eine andere Perspektive, wir kannten es gar nicht anders. Woher auch, wir sahen nur dieses Einheitsgrau und ab und zu diese sozialistische Vorzeigewelt.

Seite um Seite entsteht und wird zu Episoden zusammengefügt. Es geht voran. Wir sprechen viel über das, was ich im Rückblick gedanklich durchwandere. Dieter fragt nach, will noch mehr Hintergrund. Stimmt, ich setze als geborener Ossi viel voraus, was nicht sein kann. So wird mein papiernes Leben rund.

Inzwischen schreiben wir ein neues Jahr und mein Manuskript ist so gut wie fertig.  Dieter meint, dass darin mehr steckt als, wie ursprünglich angedacht, ein Vermächtnis für die Familie. Er spricht von einer offiziellen Buchveröffentlichung. Da habe ich allerdings so einige Bedenken, denn ich weiß nicht, ob all das, was ich geschrieben habe, eine öffentliche Leserschaft interessiert. Er macht den Vorschlag, einige Episoden vorab für vielleicht 15 bis 20 Mitglieder in einer Facebook-Gruppe zu veröffentlichen, um mal zu sehen, ob es eine Resonanz geben wird. Was soll ich sagen, innerhalb weniger Tage ist die Gruppe komplett. So viel Interesse und Zuspruch an meinem „Geschriebenen“ habe ich nicht erwartet und es reift immer mehr der Gedanke, einen Verlag zu suchen.

Das ist dann Dieters Part, während ich den letzten Feinschliff am Text vornehme und Korrekturen machen will. Ich merke, das ist ein langwieriger und umfangreicher Prozess. Immer wieder fällt mir etwas auf; ein falschgeschriebenes Wort, ein Wort zu viel, eines zu wenig, eine fehlerhafte Trennung oder ein fehlendes Satzzeichen. Das ist eine Sisyphusarbeit und ich weiß nicht mehr, wie oft ich das Manuskript gelesen und korrigiert habe.

Als Neuautorin einen Verlag für sein Buch zu finden, setzt lange Wartezeiten und die realistische Wahrscheinlichkeit voraus, abgelehnt zu werden. Also zunächst mal ein schwieriges Unterfangen. Hinzu kommt noch, dass mein Buch eine Biografie und kein Krimi oder Fantasyroman ist, wo schon Tausende Leser drauf warten, bevor es veröffentlicht wird, da machen wir uns nichts vor. Eine größere Chance bieten Druckkostenvorschussverlage, aber da werden schon mal locker ein paar Tausend Euro Vorauskasse gefordert. Viele dieser Verlage haben einen schlechten Ruf und somit auch das veröffentlichte Buch. Die Zeit für das Schreiben des Buches sollte zunächst mal die einzige Investition sein und nicht enorme Vorauszahlungen ohne eine zumindest annäherungsweise Aussicht auf Amortisierung.

Bei Dieters Recherchen fällt häufig der Begriff „Selfpublishing“. Doch auch viele Verlage dieser Art, verlangen für die Veröffentlichung eine Menge Geld. Anders scheint das beim Hamburger Selfpublisher-Verlag „tredition“ zu sein. Das Angebot dort erscheint seriös und die Kosten akzeptabel.

Umfangreiche Leistungen werden geboten und der Entstehungsprozess eines Buches ist transparent. Formatvorlagen für Buchinhalt und Cover, Anleitungen, gute Tipps und der telefonische Support, machen das Veröffentlichen eines Buches nicht unerreichbar.

Die Kosten halten sich im Rahmen und für rund 300 Euro kann ich das Buch bei „tredition“ veröffentlichen und bekomme noch 35 Eigenexemplare dazu.

Das Buch wird in allen Buchverzeichnissen gelistet und ist somit auch im Buchhandel erhältlich. Gut finde ich, dass der Verlag Pressemitteilungen an alle Medien verschickt und damit schon mal ein erster Schritt zur Publikation gemacht wird.

Den Verkaufspreis des Buches bestimme ich selbst. Davon landen dann rund 90 % beim Verlag und beim Buchhandel. Für mich als Autorin bleiben da lediglich 8 bis 10 % des Verkaufspreises. Das ist zwar nicht die Welt, aber ich muss dank meiner guten Rente nicht davon leben.

Ich nehme das Angebot an, festgehalten in einem Autorenvertrag, der auch regelt, dass die Rechte am Buch bei mir bleiben.

Das Buchmanuskript ist endgültig fertig, fehlen nur noch der Buchtitel und das Cover. Ich denke an „Auf holprigen Schienen“ als Titel. Auf den holprigen Schienen der DDR-Bahn sind wir, mein Ehemann Horst, mein kleiner Sohn und ich, am 28. März 1984 mit dem Zug aus der DDR ausgereist und ich weiß noch, wie ich das Ruckeln der Räder nicht mehr spürte, nachdem wir das DDR-Gebiet verlassen hatten. Die Räder liefen plötzlich ruhiger und leichter. Und im Übrigen, so meine ich, ist mein Leben mit all den Höhen und Tiefen auch holprig verlaufen. Also passt der Titel.

Oder passt er doch nicht so richtig? Mein Leben teilt sich in eine „Ost-Zeit“ und in eine „West-Zeit“. Die Begriffe „Ossi“ und „Wessi“ kommen ins Spiel und so steht nach längerer Diskussion der endgültige Titel für das Buch fest: „Vom Ossi zum Wessi“.

Ein wenig stolz bin ich schon, als ich zwei Wochen später das Buch druckfrisch in der Hand halte und es geschafft habe, in 20 Episoden und auf 190 Seiten, meine ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Sie hat mich über zwei Jahre beschäftigt und viel von mir gewollt, eigentlich alles. Zeit, die ich ihr gab, und schlaflose Nächte und Träume ließen mich alles noch mal durchleben. Schmerzliches und Dinge zum Schmunzeln packte mir mein Gedächtnis nicht auf ein silbernes Tablett. Ich bin froh, dass Dieter mich während der ganzen Zeit unterstützt und immer wieder ermuntert hat, nicht aufzugeben, wenn es mal schwierig wurde. Wir sind ein gutes Team.

Am 3. Januar 2019 ist dann der offizielle Erscheinungstermin bei „tredition“ und an diesem Tag ahnen wir noch nicht, was diese 190 Seiten alles in Bewegung bringen werden.

Die 35 Buchexemplare, die ich vom Verlag erhalten habe, verschenke ich an die Facebook-Freunde meiner Lesegruppe, die mehr oder weniger die Entstehung des Buches begleitet haben und bedanke mich damit für deren Zuspruch und manche Anregung.

Auf Facebook und YouTube starten wir eine Werbekampagne mit Bannern und kleinen Werbespots. Diese Aktionen entfalten Wirkung, denn bereits bis Ende Januar ist eine stattliche Anzahl „Vom Ossi zum Wessi“ verkauft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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