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Textschnipsel aus Charlottes Volkshaus Band 4

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Abschied aus Karl-Marx-Stadt

Noch hat Charlotte den Wohnungsschlüssel in der Hand, sachte schließt sie die Tür und blickt auf den blank polierten Briefkasten. Was sie jetzt tun muss, das bereitet ihr unermesslichen Schmerz. Es muss sein. Schnell, aber doch irgendwie zaghaft, so als hielten Tausende Erinnerungen die fünf Finger davon ab, die letzte Verbindung zu ihrem Volkshaus aus dem Herzen zu schneiden. Sie lässt los. Ein Klack, der Schlüssel ist verschwunden. Wo eine Fast-Ewigkeit Briefe und Karten landeten, da wartet er auf neue Hände, die ihn brauchen. Es ist Januar 1962.

Über 30 Jahre ihres Lebens hat sie hier im Volkshaus in der Zwickauer Straße gelebt. Ihre Hand streicht ein letztes Mal über den Türknauf. Entschlossen wischt sich die 57-Jährige über ihre Augen, die Tränen müssen weg, sie wird stark sein. Drei Etagen hat sie dafür Zeit, dann ist sie unten im Hausflur. Vor dem Volkshaus wartet ein Auto, das sie nach Meißen bringen wird. Sie schließt mit Chemnitz, wie Charlotte noch immer, das neue Karl-Marx-Stadt, nennt, ab. Nie mehr wird sie in diese Stadt und nie mehr in dieses Volkshaus zurückkommen.

Die Erinnerungen an ihre Zeit mit Kurt, ihrem verstorbenen Ehemann, der einzigen großen Liebe in ihrem Leben, die nimmt sie mit in dieses andere Leben.

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