Vorwort

Erinnerungen werden verschlungen von gierigen Flammen, steigen hoch auf im heißen Tanz des Feuers, drehen sich zum letzten Mal und werden zu Asche. Kilometerweit ist diese Hölle am Himmel über Chemnitz zu sehen. Das Volkshaus, das Haus der Einheit, wie es seit ewiger Zeit liebevoll genannt wird, brennt einer Fackel gleich. An diesem 12. Juni des Jahres 2012 fressen sich Feuerzungen gierig durch das trockene Holz des Dachstuhls. Diese von Brandstiftern erzeugte Urgewalt vernichtet Balken, Dachsparren und Kehlbalken des 1886 erbauten Gebäudes in der Zwickauer Straße. Stunde um Stunde stemmen sich Feuerwehrleute dem Inferno entgegen, um den denkmalgeschützten Bau zu retten. Doch es ist vergebens. Eine rußgeschwärzte, vermauerte, gespenstige Ruine erschreckt den Betrachter im Heute. Vorbei die Zeit des pulsierenden Hauses, mit den Wohnungen, den Räumen und Sälen für Kultur, Kunst, Sport, Vereinsleben und der Gastronomie. Wenn diese Mauern reden könnten, dann würden sie so einiges preisgeben; über längst vergangene Zeiten und Menschen, die hier in ihrer Geborgenheit lebten. Ob sie wohl Chemnitzer Geschichten lebendig machen, wie zum Beispiel die der Charlotte Arnold?

Kapitel 1

Es ist ein Sommersonntag zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die elfenbeinrote Straßenbahn quietscht behäbig um die Kappler Drehe, der geschwungenen Kehre, die genauso heißt wie dieser Chemnitzer Stadtteil, nämlich Kappel. Im vorderen Wagen sitzen um die Mittagszeit nur wenige Fahrgäste, ganz vorn rechts ein schnurrbärtiger Herr im dunklen Anzug und ein zierliches Mädchen, das an ihrer weißen, frischgestärkten Schürze zieht, die ihr hellblaues Kleid vor Flecken schützt oder es schmückt, es ist ihr Sonntagsstaat. Sie hält nicht still auf ihrem Platz. Später tippt ihr Zeigefinger an die Fensterscheibe. Die Kleine hat das große, geschmiedete Wappen der Sternapotheke entdeckt und will zum hundertsten Mal wissen: „Papa, was ist das?“ Der Schaffner in seiner Uniform, zu der auch die dunkle, lederne Fahrscheintasche und der Galoppwechsler, der Münzen beherbergt, gehören, schaut zu den beiden. Als sie vorhin an der Haltestelle Poststraße in die „R“ nach Schönau eingestiegen waren, bemerkte er auf den ersten Blick, dass diese Fahrgäste keine Chemnitzer sind. Beim Bezahlen dann, als das Rückgeld mit „klick und klack“ aus den polierten Blechröhren springt, erhärtet sich sein Verdacht „die sind vom Dorf“. Wie dieser Herr sein Billett bestellte, bezahlte und sein Wechselgeld einsteckte, das zeugte nicht gerade von Routine.

Doch jetzt muss sich der Amateurdetektiv wieder auf den Betriebsablauf konzentrieren. Der Schnurrbärtige zieht an der Klingelschnur, das Zeichen dafür, dass die Zwei an der Haltestelle „Volkshaus“ aussteigen wollen.     Lützowstraße an einer großen Fabrik entlang, unter einer Bahnunterführung hindurch und biegen links ab. Vater meint aufmunternd: „Wir sind gleich da, noch ein paar Schritte und auf der Gabelsbergerstraße haben wir es geschafft.“ Er zieht sie zärtlich am Schleifenband und streicht ihr übers blonde Haar. Wieder eine dunkle Fabrikhofeinfahrt und rechts daneben ein winziges einstöckiges, graues Haus, an dessen Tür der Vater klopft. Als hätte man drinnen auf dieses Geräusch gewartet, wird gleich darauf geöffnet. Eine junge Frau und ein Mädchen, vielleicht so alt wie Charlotte, stehen im Hausflur. Der Vater begrüßt beide, sie scheinen sich gut zu kennen. Sogar das andere Kind bekommt ein Lächeln ihres Vaters, bemerkt Charlotte eifersüchtig. Der Wasserhahn überm kupfernen Waschbecken im Hausflur tropft, die Wohnungstür quietscht und endlich stehen sie in der Wohnküche. Es riecht nach Kohl, den Charlotte gar nicht mag, und ihre Füße schmerzen auch. Zum Glück gibt es für die beiden Kinder Grießbrei aus dem Topf, der auf dem Herd steht.

Die Frau rührt vorher kräftig mit einem Holzlöffel und ein paar Tropfen der Speise fallen zischend auf den heißen Herd. Etwas Zucker und Fett kommen auf zwei Teller und die Mädchen, die auf der niedrigen Bank daneben sitzen, dürfen beginnen. Sie löffeln schweigsam und beäugen sich neugierig. Am großen Tisch speisen die Erwachsenen irgendwas mit Fleisch und unterhalten sich lachend. Das fremde sommersprossige Mädchen knabbert an seinen Nägeln, wippt ungeduldig mit den nackten Füßen und schaut verstohlen auf Charlottes Lederschuhe. Eine ungewohnte Situation für Charlotte, denn bei Oma Hildegard in Ebersdorf läuft das Sonntagsessen nach dem Kirchgang anders ab. Endlich haben die Erwachsenen aufgegessen. Die dünne Frau lächelt Carl an, holt von der Anrichte Gläser und eine Flasche Likör und gießt ein. Woher weiß diese Frau, dass Vater sonntags immer so etwas nach dem Essen trinkt, überlegt die Kleine. Doch sie kann sich den Kopf darüber nicht zerbrechen, sie muss gleich darauf aufstehen, um sich etwas anzuschauen. Die Gastgeberin führt sie nach nebenan, in eine Kammer mit einem winzigen Fenster in der ein Bett, ein schmaler Schrank und eine Kommode mit zwei Schubladen stehen.