Charlottes Volkshaus Band 3 - 47 Kapitel
Die Protagonisten
Charlotte und Kurt Beyer
Ruth und Gerhard Zschiedrich
Tochter Petra
Martha und Richard Arnold
Tochter Christa
Charlottes Stiefschwester Paula
Die Weißflog-Mädels
Die zwei Gertruden
Ruth´s Freund Toni
Kurt´s Freund Georg Müller
Kapitel 1
Der vermeintliche Frieden in diesem Mai 1945 hört sich hier in Chemnitz viel mehr nach Krieg und Verderben an. Unten im Keller des Volkshauses in der Zwickauer Straße dröhnt es und die Mauern ächzen. Draußen scheinen Panzer über die Straße zu walzen, ihre Ketten sind gnadenlos zu allem, was vor ihnen liegt. Ab und zu rattern Gewehrsalven. Alle diese Geräusche hält das steinerne Gewölbe fest und beantwortet sie gleich darauf mit rieselndem Putz. Doch das Gemauerte ist ein solider Wächter und guter Beschützer. Charlotte und Ruth harren im Kohlenkeller aus. Die Mutter hat für ihre Tochter ein Versteck hinter Kartoffelhorden errichtet und hofft, dass alles gut ausgeht. Schneidermeister Schwarzmann, seine Tochter Marianne und die anderen Schutzsuchenden, halten diese Ungewissheit nicht mehr aus. Es ist wie ein Raumkoller, der sie antreibt. Sie wollen nach oben, endlich wieder Licht sehen. Die Stunden in Ungewissheit hier unten haben an den Nerven gezerrt und die Angst in die Ecke gedrängt. Es schwingt eine Irrationalität, die nicht in Worte zu fassen ist und der Glaube, dass alles gut wird, der gewinnt. Die beiden Beyer Frauen, hinten im Keller, sollen mit. Doch die bleiben und wollen hier ausharren. Bis zu welchem Ende, das bleibt offen.
Allein sind sie, im dunklen Raum ohne Zeit. Ruth schaut auf die Leuchtziffern ihrer Armbanduhr. Sie erschrickt, die Zeiger bewegen sich nicht, sie hat gestern vergessen, die Uhr aufzuziehen. Vergessen, das, was sie sonst jeden Abend tut, kurz vor dem Schlafengehen. Vater Kurt hatte sich zum Nachtdienst auf dem Güterbahnhof verabschiedet. Dieses Adieu-Sagen ist zu einem tröstenden Ritual geworden, weil niemand weiß, ob es ein Wiedersehen gibt. Ruth hatte das rote Armband abgestreift, sorgsam ihre kleine Uhr auf den Nachtisch gelegt und sich die Tränen von der Wange gewischt. Sie war traurig und hatte viele Fragen, denn sie weiß nicht, ob die Menschen, die sie liebt und vermisst, noch leben. Keine Nachrichten von Freund Toni, von Onkel Richard, Tante Martha und Cousine Christa. Auch Ungewissheit darüber, ob die Schmidts, ihre Lehrfamilie vom Café Kunze, diesen Bombenhagel überlebten. Und in diesem Wirrwarr der Gefühle, da kam keine Ordnung.
Ruth vergisst ihre Gedanken, denn es wird unerträglich laut hier im Volkshauskeller. Lautes Stiefelgetrampel, das von den steinernen Treppen mit doppeltem Hall die Stiegen hinuntergestoßen wird. Charlotte kennt diese Geräusche noch zu gut aus den vielen schlimmen Zeiten hier im Haus.
Und heute wieder, dazu ungewohnt kehlige Stimmen, so als würden Holzpantinen über eine ebenso hölzerne Brücke trampeln. Die Schritte kommen näher und dann stehen drei Soldaten in unbekannten Uniformen im Verschlag. Taschenlampenlicht huscht in jeden dunklen Winkel. Kopflos vor Angst stößt Ruth die schützende Kartoffelhorde um. Laut ist das und sie steht vor den Fremden. O Gott, hilf, kommt es leise über Charlottes Lippen. Die Russen sind genauso überrascht und lassen die Taschenlampen über Ruth kreisen. Auf und Ab, als würden sie überlegen. Die Zeit schleicht und die Sekunden sind gefühlte Stunden. Dann greift eine Hand nach ihrem Handgelenk und ein Blick beißt sich an ihrer kleinen Uhr fest. Der Riese, es scheint der Anführer zu sein, macht ihr begreiflich, dass er diese Tick-Tack, wie er artikuliert, haben will. Ruth gehorcht, legt sie ab in das Regal, wo sonst die Weckgläser stehen. Er streift den linken Ärmel der Uniformbluse nach oben und zeigt stolz auf die Uhrenkollektion am Arm. Er will sie mit der kleinen Damenuhr von Ruth ergänzen. Doch das zierliche Armband passt ihm nicht. Zorn in seinem Gesicht über den gescheiterten Versuch. Jetzt kommt noch Wut hinzu und es knirscht. Das Geräusch tut Ruth unendlich weh. Sie schaut auf den Boden, hinein in diesen flirrenden Lichtkegel der Taschenlampe und Tränen füllen ihre Augen. Wieder Worte des Anführers, es scheint ein Befehl zu sein. Das Gewehr des neben ihm stehenden russischen Soldaten ist auf ihre Mutter gerichtet und der Dritte beobachtet das Mädchen. Das spürt Ruth, obwohl sie unter dessen Blick ihre Augen sofort schließt. Eine Reflexreaktion. Sie hasst diese Russen. Es schauert sie kalt und sie möchte schreien. Aus Schmerz oder aus Wut, beide jagen durch ihren Kopf. Doch sie spürt eine Bremse, kein Laut dringt aus ihrem Mund. Sie beißt ihre Lippen zusammen, das tut ihr genauso weh wie die Fingernägel, die sich in ihre rechte Hand graben. Es ist ihre Mutter, die das tut. Instinktiv hatte sie nach Ruths Hand gegriffen und bewahrt ihre Tochter so vor einem weiteren Ausbruch. Dieser Befreier vollendet sein Werk, sein Stiefel tritt nochmal zu. Eine winzige Spirale oder Metallfeder segelt über den Boden und dünnes Uhrenglas vibriert. In dieser Anspannung wird jedes noch so winzige Geräusch zum Orkan. Der Russe lacht polternd, schultert sein Gewehr und zieht den Ärmel seiner Uniformbluse gerade, seine Uhrensammlung am linken Arm verschwindet wieder unter dem dunkelgrünen Stoff. Laute Kommandos von oben und die Worte des Anführers hier im Keller: „Nix passieren mit Dewuschki, wir bringen MIR“. Er tippt an sein Käppi, als wäre es ein Anstandsbesuch gewesen und sie stiefeln schwadronierend davon. Später dröhnen Panzerkettengeräusche und Auspuffgeknatter von Militärlastwagen bis hinunter in den Keller, der Konvoi setzt sich langsam in Bewegung. Es scheint eine Ewigkeit gedauert zu haben und jetzt ist es unwirklich still. Ruth spürt es kalt an den Beinen hinunter rieseln. Scham darüber und immer noch die unbestimmte Angst, ob die Soldaten auch wirklich abgefahren sind. Doch es ist so, es kommt kein Russe zurück in den Keller. Und jetzt auch Zorn darüber, dass ihr Vater nie da ist, wenn er gebraucht wird. Der Kommunist Kurt Beyer hätte es sicher den Russen begreiflich gemacht, dass sie aus demselben kommunistischen Holz geschnitzt sind. Ist das aber wirklich so? Ruth kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass ihr Vater gegenüber Frauen so handeln würde. Oder macht der Krieg aus Menschen Bestien. Ihr Kopf platzt. Alles ist zu viel. Was Ruth mit Bestimmtheit weiß; nie wieder will sie eine Armbanduhr tragen.