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Charlottes Volkshaus Band 2 - 35 Kapitel

Die Protagonisten

 

Charlotte und Kurt Beyer

Tochter Ruth

Schwiegermutter Selma Beyer

Martha und Richard Arnold

Tochter Christa

Adele, Marie und Christa Weißflog

Die zwei Gertruden

Der Monokelmann

Hausarzt Dr. Hagemann

Freundin Kibela Sode

Fotograf Georg Müller

Nachbar Schwarzmann

Freund Erich Seifert

Familie Männel

Die Mittelbacher

Nazispitzel Gustav

Kapitel 1

Wie ein Poet ihn beschreiben würde, so idyllisch ist dieser Sommer 1927. Sonnenschein und Gänseblümchen, die hier auf der Wiese ihre zarten Köpfe im Wind bewegen und vom Blütenduft angelockte Bienen, die emsig Nektar und Pollen sammeln. Ein schönes Bild. Nur die Tischdecken, die Leibwäsche und die Handtücher, die gewissenhaft im Gras ausgebreitet sind, passen nicht so recht. Doch sie gehören hier her, werden gebleicht, denn das Stück Grün mit der Begrenzung aus Birnenbäumen ist der Wäscheplatz im riesigen Areal des Chemnitzer Volkshauses in der Zwickauer Straße.

Manchmal möchte Charlotte sich in den Arm kneifen, kann es fast nicht glauben, dass es das Schicksal jetzt so gut mit ihr meint.

Selma Arnold, ihre zukünftige Schwiegermutter, hat sie liebevoll aufgenommen. Charlotte ist glücklich, aber wie es nun mal so ist, vollkommenes Glück, das gibt es nur im Nimmerland. Endlich muss sie ihr Geheimnis loswerden, die Zeit drängt, lange kann sie es sowieso nicht mehr verbergen. Sie muss ihre Scheu überwinden, sich trauen, Selma die Wahrheit zu offenbaren.

 

Charlotte und Selma sind mit dunkelblauen Schürzen und Holzpantinen ausstaffiert, heute ist Waschtag. Oben im Haus, in der Waschküche unterm Dach, haben sie die Wäsche auf dem Waschbrett geschrubbt und gewalkt. Bei robusteren Stücken nahm ihnen der Kochkessel vorher etwas Arbeit ab. Mit den Händen ausgewrungen oder durch die Wringmaschine geleiert und in Weidenkörbe einsortiert, warteten die Stücke auf das Trocknen.

So ein Waschplatz fast im Himmel hat auch seine Mühen; diesen weiten Weg bis zum Trockenplatz unten im Volkshausgarten. Da sind sie jetzt, haben ihr Pensum nahezu geschafft und sitzen auf der Bank an der Mauer. Vor ihnen wedelt die Wäsche auf den Leinen, von hölzernen Stützen in Richtung Wind gehievt. Das sieht schon putzig aus, die baumwollenen Spitzenunterhosen vom Wind aufgeblasen. Charlotte ist so gar nicht zum Lachen zumute. Sie holt Luft, noch mal Luft. „Bald werden für unsere Waschtage noch mehr Leine gebraucht, mehr Waschblau und Seife“, dann gerät sie ins Stocken. Ein wissender Blick und Selma erwidert: „Charlotte, ich bin doch nicht blind, ich habe längst bemerkt, dass du nicht allein bei uns eingezogen bist. Du erwartest ein Kind, der Glanz in deinen und in Kurts Augen hat mir das längst verraten. Deine Hände tasten oft unbemerkt und beschützend über deinen Bauch. Diese Regungen sind mir nicht entgangen.“ Sie nimmt die Schwangere in ihre Arme. Charlotte ist erleichtert.

Gleich am Abend wird am Küchentisch ein Plan geschmiedet. Selma trifft seit dem Tod ihres Ehemanns vor zwölf Jahren alle Entscheidungen allein. Und das mit Klarheit, Weitblick und weiblichem Gespür. Das traut der Betrachter dieser zarten Gestalt gar nicht zu. Und auch diesmal weiß sie genau, wie alles harmonisch und fließend sein wird. Sie schaut auf Charlotte und Kurt. Hoffentlich gibt ihr der Herrgott noch genügend Zeit, deren Weg zu begleiten und auch das zukünftige Menschenkind zu beschützen.

Sie trinkt vom frischaufgebrühten Pfefferminztee, lächelt und beginnt: „Charlotte, du heiratest mit dem Kind unterm Herzen in unserer Petrikirche. Viele Erinnerungen von uns dreien bewahrt dieses Gotteshaus. Das verbindet uns und macht uns stark. Du wirst ein Brautkleid in Weiß tragen. Es ist meines und wartet oben in der Bodenkammer im Schrank, wo ich alles Liebgewordene aufbewahre, darauf, dir zu gehören. Unser Türnachbar, der Schneidermeister Schwarzmann, der wird die Robe für dich passend machen. Du bist kleiner als ich und der gefällige Schnitt, der verbirgt unser dreier Geheimnis.“

Charlotte und Kurt schauen sich an, jetzt kennen sie den Plan. Nur gegen die Uhr werden sie kämpfen müssen, denn deren Zeiger lassen sich nicht anhalten. Kurt wird auch klar, dass er entgegen seinen kommunistischen Prinzipien, Charlotte in der Kirche sein Ja-Wort geben muss. Doch aus Liebe geht er diesen Kompromiss gern ein. Marx und Engels werden beide ihre Augen zudrücken.

Die Schwangerschaft tut Charlotte gut. Keine Übelkeit und kein Stimmungsvulkan, nein, nichts worüber ihre Schwägerin Martha, während ihrer Schwangerschaft klagte. Im Gegenteil, Charlottes Hormone sprühen, ihre Züge werden weicher, fraulicher. Der kleine Bauch ist kaum zu sehen, dafür wachsen ihre Brüste. Gerade beißt sie in eine sauer eingemachte Gurke. Für eine Gabel blieb ihr keine Zeit und schon wieder schaut sie heißhungrig auf das Einmachglas auf dem Küchenbuffet. Noch zwei sind übrig geblieben, aber die überleben den heutigen Tag wohl auch nicht. Sie ist hungrig auf Saures und auf das Leben überhaupt.

Genauso geht es ihr mit der körperlichen Liebe. Das gesteht sie sich ein, als sie die Betten macht. Sie vermisst Kurts Hände und ihre Fantasie malt Bilder. Um auf andere Gedanken zu kommen, schüttelt sie Kissen und Federbetten kräftig, zieht alles faltenlos gerade, auch die burgunderrote Steppdecke. Dann schließt sie das doppelflügelige Fenster in der Schlafstube und ordnet die Gardine. Hier in diesem Schlafzimmer wurde Charlotte zur Frau. Alles ist jetzt so gerichtet wie damals, bis auf eine Sache, das Bild mit dem Elfenreigen hat das Zimmer gewechselt und hängt seit ein paar Tagen nebenan, über dem Bett von Selma. Ja, die verständnisvolle Frau hat den Verliebten bereits vor der Hochzeit das versprochene Schlafzimmer überlassen. Sie lächelte dabei als sie es so erklärte: „Das kann ich beruhigt tun, das andere ist ja bereits passiert.“

Nachts in ihrem neuen Schlafzimmer merkt Selma, dass sie das Richtige tat. Die jungen Leute können nicht genug von der Liebe bekommen. Genauso wie ihr Gustav und sie, damals in ihrer Brautzeit. Nur mit dem Kinderkriegen, da musste sie lange Jahre warten; erst mit 44 Jahren wurde ihr endlich das Glück zuteil, Mutter zu werden. Sie hofft, dass ihr Gustav oben im Himmel etwas von der neuen, schönen Situation hier bei ihr mitbekommt, faltet die Hände und flüstert ihr Nachtgebet. Jetzt will sie schlafen und schöne Träume haben.

Charlotte muss sich zusammennehmen, um nicht ihr Glück zu verraten. Zu gerne hätten sie ihren Weißflog Freundinnen erzählt, dass sie ein Kind erwartet. Die erfahren aber nur, dass es wunderbar und aufregend ist, in der Wohnung im dritten Stock des Volkshauses zu leben. Mutter Adele schaut sie darauf forschend an und erkundigt sich, ob sie mit der Witwe Beyer auskäme, die wäre doch sehr rechthaberisch, wie ihr der Lehrjunge vom Bäcker Mühlberg im Vertrauen verriet. Charlotte will schon aufbrausen, bezähmt sich aber und erwidert leise: „Dem Lehrjungen werde ich seine Ohren langziehen, wenn er uns das nächste Mal das Brot bringt. Ich kontrolliere dann genau, ob er nicht wieder etwas von der knusprigen Rinde gepuhlt hat. Das war nämlich der Grund, weshalb ihn Selma Beyer rügte.“

Adele errötet, es ist eigentlich nicht ihre Art, sich ungeprüft ein Urteil über andere zu erlauben. Schnell wechselt sie zu einem anderen Thema, das sie eigentlich noch mehr interessiert, nämlich die Hochzeit von Charlotte und Kurt.

Eine lächelnde Charlotte berichtet, dass der Termin feststeht. Im städtischen Standesamt wird am 23. September die Ehe weltlich geschlossen. Einen Tag später dann das Eheversprechen vor Gott in der Petrikirche. Gratulieren dürfen die drei Freundinnen ihr natürlich nicht, das bringt kein Glück, wenn man es vorher tut. Aber die zukünftige Braut küssen, das geht schon.

Am Sonntag darauf fahren Charlotte und Kurt nach Altchemnitz. Martha und Richard sollen in alle Neuigkeiten eingeweiht werden. Die beiden spielen gerade mit Töchterchen Christa auf dem Boden, als sie dort ankommen. Das Mädchen ist schon über ein Jahr alt und versucht, kleine bunt bemalte Holzbausteine zu einem Turm aufzuschichten. Stolz in den Augen der Eltern über dieses Talent und die Ausdauer. Christa spürt, dass sie im Mittelpunkt steht, brabbelt und möchte gleich darauf vom Besuch auf den Arm genommen werden. Worte schwirren durch den kleinen Raum, es gibt viel zu erzählen. Kurt wartet noch mit der größten Neuigkeit. Stattdessen greift er zur Zigarettenschachtel, eine für Richard und eine für sich. Charlotte schmust mit der Kleinen, das fühlt sich gut an und sie denkt an die Zeit, wo sie ihr eigenes Kind haben wird. Auch sie verrät noch nichts.

Es klopft und Richard meint scherzend: „Heute geht es bei Arnolds zu wie auf dem Chemnitzer Hauptpostamt.“ Martha öffnet lächelnd die Tür für Ida Scholze, ihre Nachbarin. Die rundliche Witwe ist immer für die Familie da und gehört sozusagen dazu. Christa läuft mit tapsigen Schritten in deren Richtung und wird beim letzten, der wackeliger ausfällt, von Ida aufgefangen.

Martha meint: „Für Christa ist Ida eine liebevolle Oma.“ Die Nachbarin schaut dankbar. „Wenn ihr jungen Leute etwas unternehmen wollt, ich würde gerne mit meinem Liebling ein paar Schritte draußen spazieren und dann frischen Napfkuchen schnabulieren. Ich habe ihn vorhin gebacken und der Zuckerguss ist mit etwas Kakao vermischt. Also besonders lecker. Für euch bleibt auch etwas übrig“, fügt sie freundlich an.

Martha hat sofort eine Idee. Sie möchte hinaus, das schöne Wetter auskosten. Sie hat Sehnsucht nach ihrer alten Heimat und schlägt ein Ringel durch das Kaßbergviertel vor. Für Charlotte ist es das erste Mal, dass sie durch dieses Gebiet spazieren wird. Doch zuerst einmal bimmeln sie mit der Straßenbahn dorthin, die kurvige Kaßbergauffahrt hinauf. Martha nimmt sie in ihr altes Leben mit. Natürlich nicht in das Haus ihrer Eltern, die wollen ihre Tochter niemals wieder sehen.

Das ist schon traurig, aber nicht zu ändern, überlegt Charlotte. Glücklicherweise sind wir jetzt Marthas Familie. Und diese Familie wird noch größer. Heute werden wir die Geheimniskrämerei beenden. Sie ist voller Vorfreude.

Diese wunderschöne Gegend mit den herrlichen Häusern, den opulenten Villen, den großzügigen von hohen Bäumen umsäumten Straßen, all das zeigt uns Martha stolz, als würde alles ihr gehören. Das versteht Charlotte gut, die Schwägerin hatte lange hier in dieser Gediegenheit gelebt. Rauchende Fabrikschornsteine erblickt Charlotte hier im Karree nicht und die Luft ist hier viel leichter, empfindet sie.

Richard und Kurt tuscheln und laden die beiden Damen in das feine Kaffeehaus Efreuna in der Ulmenstraße ein. Die beiden Paare sitzen an einem Tisch mit Blick auf das Geschehen hinaus auf die Weststraße, durch die großen blitzblanken Scheiben leicht gemacht. Der Sonntag hat viele herausgeputzte Spaziergängern animiert, durch das Viertel zu flanieren und später hier einzukehren. Die Kellner haben gut zu tun. Ihre Bestellung, Kaffee und Gebäck, wird schnell auf dem silbernen Tablet vom Herrn Ober kredenzt. Es sind Baumkuchenecken und echter Kaffee, kein Muckefuck, erfährt Charlotte, die sich schon wundert, dass der so aromatisch duftet. Neugierig widmet sie sich dem Gebäck, das von dünnen Schokofäden durchzogen und außen von dunkler Schokolade umhüllt ist. Charlotte schätzt es als ein Gedicht ein, es auf diesem Porzellanteller zu sehen, es zu essen, erst recht.

Richard und Kurt sind an diesem Nachmittag wie verwandelt, sie sprechen überhaupt nicht über Politik, sondern versuchen sich in leichter Kost, wie Martha lächelnd anmerkt und ihrem Mann vertraut über seine rechte Hand streicht. Die andere, die durch die Kriegsverletzung verkrüppelt ist, versucht er immer, so gut es geht, zu verbergen. Er wird sich wohl nie mit seinem Schicksal abfinden können.

Charlotte schaut Kurt an. Sie blinzelt, damit der Gute merkt, dass er endlich ihrer beider Geheimnisse lüften soll. Jetzt hat er begriffen und beginnt. Große Freude bei Martha und Richard, insgeheim hatten beide eine leise Ahnung, dass es noch in diesem Jahr zum Ehebund kommen werde. Martha hatte vermutet, dass Charlotte dazu noch ein süßes Geheimnis unterm Herzen trägt. Jetzt werden diese zwei wichtigen Ereignisse durchgespielt. Gern sind Bruder und Schwägerin am 23. September Trauzeugen. Richard bekommt vor Rührung feuchte Augen und wird seiner Schwester zuliebe sogar seine Füße einen Tag später trotz aller Abneigung in die Petrikirche bewegen. Aber nur, um Charlotte glücklich zu sehen. Kurt winkt den Ober an ihren Tisch und ordert drei Cognac und eine Limonade für Charlotte, um auf die Zukunft anzustoßen. Martha erklärt Charlotte leise, dass sie kaum Aussteuer für das Ungeborene besorgen muss, abgelegte Sachen von Christa sind reichlich vorhanden. Die beiden Frauen planen und arrangieren schon tüchtig. Familie zu sein, birgt Zusammenhalt und Hilfe, gerade in Zeiten, wo der kalte Hauch einer neuerlichen Geldentwertung schon wieder zu spüren ist.

Wenig später draußen, schüttelt Kurt seinen Kopf: „Ich wollte das Efreuna eigentlich nicht kaufen. Aber die Zahl auf dem Blatt sagt mir, ich bin zumindest Kompagnon.“ Die lächelnde Martha gibt zur Antwort, dass er eventuell Anspruch auf das Platzdeckchen unter der Blumenvase habe. Alle lachen, aber es ist ein bitteres Lachen.

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