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Kurz und Bündig  - Inhalt

 

Kurz und Bündig  7

Trabikauf 8

Hochzeit in Pommern 13

Geheimnisse? 20

Nur mal lesen 25

Jugendweihe 29

Führerschein 32

Günnel-Eis im Tornado 37

Sebnitz 45

Herr Nigrini aus Tharandt 47

Toskana 53

Lesung im Stau 62

Neue Heimat Neuwied 68

Der Scheck 71

Fidschi-Zigaretten 75

Bierdeckel-Navi 79

DDR-Fernsehfunk 85

 

Besuch in Meißen 88

Tanzstunde 95

Die Nacht im Bahnhof 98

So wird es nie wieder sein 100

Zeppelin 105

Herausforderung 109

Selgros 117

Abschied aus Chemnitz 121

Unter der Brücke 127

Der Sebnitzer Bergsteigerchor 129

Wer im Recht ist bekommt Recht 131

Hochwasser 137

Flugangst 143

Begegnung der besonderen Art 147

Tatort Sebnitz 150

Schluss Blatt 157

Wiki-Petra 158

Besuch in Meißen

Wir fahren nach Meißen, in die Stadt meiner Kindheit und des Erwachsenwerdens. Viel hat sich hier getan. Die Mittel aus dem Solidaritätsbeitrag sind gut anlegt. Meine Stadt hat ihr graues Gesicht abgelegt, die Kummerfalten sind weg. Diese altehrwürdige und geschichtsträchtige Stadt ist inzwischen sehr hübsch anzuschauen.

Wie Frühling fühlt sich dieser Februar an, als wir über die Elbbrücke fahren. Die Albrechtsburg thront stolz hoch oben. Sie trägt an einigen Stellen noch ein Gerüst, denn ihr Äußeres wird neu verputzt. Unser Weg führt uns zum Dorint Hotel. Die Fassade, aus traditionellen Grobkeramik-Fliesen, als sein besonderer Schmuck, glitzert im Sonnenlicht. Eine schöne Erinnerung ist dieser Bau, am Elbufer majestätisch liegend und im Sonnenlicht glänzend, für mich. Hier bin ich als Schulmädchen oft entlang spaziert, habe über die Motive gestaunt und war schon ein wenig stolz, dass mein Vater als Projektingenieur viel mit diesem Werkstoff zu tun hatte. Etwas weiter weg, stand er am Reißbrett und entwarf Neues, im VEB Entwicklungsbüro „Grobkeram“ auf der Brauhausstraße; nebenan die „Schwerter Brauerei“. Mehr als fünfzig Jahre sind seitdem vergangen, aber diese Zeit ist greifbar und zieht in meinen Gedanken vorbei, als wäre alles erst gestern passiert. Mit Gepäck beladen dann ins Hotel; angenehm und zugleich wieder zu Hause gefühlt als die Begrüßung im weichen, lang so nicht gehörten sächsisch, aus dem Munde einer jungen Hotelangestellten tönt. Es passt und dürfte gar nicht anders sein. Eine Harmonie genauso wie die gesamte Ausstattung hier. Es geben sich die Historie und die Moderne ein Stelldichein. Ich bin guter Dinge, dass dieser Eindruck unser Begleiter während dieser Zeit des Eintauchens in meine Vergangenheit bleibt. Später sitzen wir im Wintergarten auf einen Drink. Viel ist um diese Zeit nicht los, wir sind die einzigen Gäste hier und kommen mit dem Barkeeper ins Gespräch. Ein junger Sachse, ganz normal. Weit ab von mancher pauschalgefassten Meinung. Stolz erzählt er von seiner Stadt, von seinem Fluss und lässt kleine Anekdoten einfließen. Ich höre zu und gebe mich nicht als Insider zu erkennen.

Später durchs Städtchen spaziert und Schaufenster geschaut. Wie doch die Bäcker und Konditoren ihr Handwerk verstehen. Kinnwasser bei den leckeren, süßen Sünden für die heilige Kaffeezeit der Sachsen, mit „enem Schählschen Heeßen“. Und sie sitzen, die Meißner, in ihrem Café oder in Weinstuben, wo es heutzutage originalen Wein von ihren kalkigen Hanglagen an der Elbe zu kosten gibt. Meine Füße tragen mich am Rathaus vorbei. Erstaunt stelle ich fest, dass die Außentreppe heute anders ist, nicht mehr wie damals, als ich hier heiratete und hoheitsvoll hinab zum Marktplatz geschritten bin. Weiter die Burgstraße bergauf, an kleinen Buchläden, Boutiquen, Andenkengeschäften vorbei geschlendert. Schon wieder ein Geschäft mit einer besonderen Geschichte; die Konditorei Zieger, die Meißner Fummeln verkauft. Seit anno 1710 existiert dieses leicht zerbrechliche Gebäck, um das sich eine witzige Historie rankt. Der geneigte Meißen-Tourist sollte es nicht versäumen, die Stufen zum Geschäft hinaufzusteigen, sich drinnen umzuschauen und diese „Fummel“ zu genießen, bevor er weiter zu Burg und Dom steigt. Wir können noch unbehelligt von Menschenströmen stehen bleiben, schauen, fotografieren, Gedanken sacken lassen; uns ganz viel Zeit für den Weg lassen. Februar ist eine gute Zeit, um Meißen in Ruhe zu erkunden. Dom und Burg schauen stolz in die Runde und wecken viele Erinnerungen. Auch die, an mein erstes Rendezvous „hier oben“ werden wach, nämlich im „Domkeller“. Jetzt stehe ich wieder davor. Hinein ins dunkle Gewölbe und die schwere Eichentür geöffnet. Es sieht noch genauso aus, wie damals als ich 18 Jahre jung war, und ich komme ins Träumen. Doch nicht lange, denn eine weibliche Stimme, diesmal im befehlendem Sächsisch: „Gehn se noch mal naus, dass is nicht der Ehngang, das is dehr Ausgang.“ Wir sind perplex, machen das und gehen die paar Schritte wieder rückwärts. Wirklich, gleich daneben, da ist eine weitere Tür mit dem Schild „Eingang“. Wie konnten wir nur, drücken die Türklinke nieder und treten erneut ein. Die Dame schaut jetzt siegessicher und fragt uns, ob wie reserviert hätten. Wir sind ertappt und verneinen. „Heude iss doch Valentinstaach und wir sind vollbelegt“, bekommen wir zur Antwort. Ich hörte mich traurig sagen, dass es sehr schade sei, wir nur etwas essen und uns umschauen wollten, denn ich wäre schon seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen. Das hat sie sicher milder gestimmt und sie räumt uns eine knappe Stunde Aufenthalt ein. Das reicht für Sauerbraten, grünen Klößen mit Semmelbröseln gefüllt, Rotkraut und dicker, leckerer Soße. Ähnlich, wie meine Oma es vor langer Zeit zubereitete. Dazu süffigen Meißner Wein. Unser Groll ist vergessen, Ende gut, alles gut.

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