Unter der Brücke - 22 Kapitel
Die einzelnen Kapitel bilden eine zeitliche Folge und sind nicht betitelt.
Thema und Protagonisten
Ein Familienbund
zwischen Mauerbau und Mauerfall
Im Mittelpunkt
Peter Richter
und seine Ehefrau Ute
Seine Eltern
Egon und Helga Richter geb. Wagner
Seine Großeltern
Paul und Trude Wagner
Kapitel 1
„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“
Das erklärt Walter Ulbricht, der Partei- und Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik am 15. Juni 1961 in hohem sächsischem Singsang. 300 Journalisten hören sein Statement während einer internationalen Pressekonferenz im Haus der Ministerien in Berlin. Später, in einer Sondersendung der „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens, werden mehr als eine Million Zuschauer darüber informiert. Dieser Aussage kommt schon bald die traurige Berühmtheit zuteil, zur frechsten Lüge der deutschen Nachkriegsgeschichte zu mutieren.
Egon Richter, ein junger Genosse, der seinen Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee im Speckgürtel von Berlin leistet, hört diese Worte im Aufenthaltsraum seiner Kaserne. Später zieht er mit einem Kameraden auf Nachtposten. Alles scheinbar wie immer.
In Ueckermünde sitzt der altgediente Genosse Paul Wagner sein Feierabendbier trinkend und vor sich hindösend im Sessel vor dem Fernseher; der Tag war lang und das Alter fordert schon seinen Tribut. Als er die Worte seines obersten Genossen hört, strafft sich unmerklich sein Körper und stolz hängt er an dessen Lippen.
Für Egon Richter und Paul Wagner würfelt das Schicksal gerade. Doch es dauert noch fast zwei Monate, bis ihre gemeinsame Geschichte beginnt.
Für den jungen Verteidiger des Sozialismus Egon Richter verschwindet der ruhige Etappentrott. Es wird hektischer; Dienstabläufe und Geheimhaltung werden strenger und ungewöhnliche Materialtransporte beginnen.
Und dann einen Wimpernschlag vor dem 13. August rollt die gesamte Mannschaft auf Robur-Lastkraftwagen zügig von Randberlin in die Hauptstadt. „Operation Rose“ nimmt ihren Lauf, akribisch geplant von einem gewissen Erich Honecker, der als Sekretär im ZK der SED auch für Sicherheitsfragen zuständig ist. Ihm obliegt es, den Flüchtlingsstrom zu unterbinden, denn DDR-Bürger verlassen in Scharen ihre Heimat über die offene Sektorengrenze, 30.000 allein im Juli 1961.
Am frühen Vormittag des 12. August erhält Genosse Paul Wagner seinen Marschbefehl. Der Ahnungslose erfährt, was die Stunde geschlagen hat; ein antifaschistischer Schutzwall wird in Berlin errichtet. Alles lange unter strengster Geheimhaltung geplant und nicht einmal er wusste davon. Wenig später steigt er in den Kastenwagen, sitzt nervös neben seinen Kameraden und wartet auf weitere Befehle. Aus den vier Himmelsrichtungen und allen DDR-Bezirken treffen Reservisten, Kampftruppen und NVA-Einheiten in der Stadt an der Spree ein. Alles scheint nach außen ungeordnet, aber der Plan funktioniert perfekt. Die Befehlskette ist an keiner Stelle unterbrochen. Der Reservist Paul Wagner bekommt die Aufsicht über einen Trupp junger Soldaten, die auf einer Verbindungsstraße in den Westsektor die Pflastersteine herausbrechen, sie faktisch unbrauchbar macht. Die Männer sind nass geschwitzt, trotz der nur 8,6 Grad Celsius, die ein Diensthabender der Wetterstation West-Berlin-Dahlem in dieser Nacht gewissenhaft in seine Kladde notiert. Es ist viel zu kalt für einen Sommer, das ist sein Resümee. Doch es wird noch kälter werden, kälter für die Berliner, durch deren Stadt ab dem 13. August 1961 eine blutende Wunde getrieben wird. Zunächst nur mit einer provisorischen Absperrung wird die Sektorengrenze abgeriegelt. Später viel perfekter mit Beton und Mienen. Ein neuer, gefährlicher Schritt der Eskalation und des kalten Krieges. Die Teilung gelingt und macht die Welt für einen Moment sprachlos.
Paul Wagner hat seinen Trupp gut im Griff, organisieren kann er. Konzentriert und ohne viel Worte arbeiten die Soldaten, die vom Alter her seine Söhne sein könnten. Die Ausfallstraße ist schnell unbrauchbar gemacht. In der Dunkelheit ragen frischgegossene Pfeiler wie Barrikaden aus dem Boden. Stacheldraht wird ausgerollt und befestigt. Die Verbindung zwischen Ost und West ist gekappt. Ab und zu eine Zigarettenpause, ein paar weitere Anweisungen und im Morgengrauen ist dieser erste unheilvolle Spuk vorbei. Alle Akteure erhalten nach getaner Arbeit Verpflegung und eine abschließende agitatorische Berieselung. Genosse Wagner ist in seinem Element, erklärt plausibel, als wäre er selbst bei der Planung dabei gewesen. Ein blonder, schmaler Soldat schaut ihn dabei gebannt an, saugt Pauls Thesen förmlich auf. Das gefällt dem Alten und er sucht das Gespräch des jüngeren Genossen. Er bietet ihm eine Zigarette an. Schnell erfährt er dessen Lebenslauf, denn viel gibt es nicht zu erzählen. Egon Richter wuchs in einem Kinderheim in Mecklenburg auf.
Mit diesem Tag beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft. Zwei Menschen verbinden damit verschiedene Erwartungen. Der Jüngere sucht eine Vaterfigur, ein Vorbild. Paul Wagner dagegen, will sich einen Schwiegersohn für seine Tochter Helga erschaffen.
Alles scheint zu gelingen, denn Helga und Egon verlieben sich. Nach seinem dreijährigen NVA-Ehrendienst packt er seine Sachen und zieht nach Ueckermünde. Ganz bald wird geheiratet und die junge Frau wird schwanger. Alles, wie in einem perfekten Märchen und außerdem so, wie es sich für eine junge sozialistische Familie gehört.
Januar 1966. Kalter Wind fegt vom Oderhaff über das flache Land. Er treibt die Schneeflocken weiter und weiter, bis ins beschauliche Ueckermünde. Durch Gassen und Straßen wirbeln sie; drehen sich im schnellen Tanz, bevor sie der gesamten Hafenstadt ein pudriges Aussehen verpassen. Natürlich zur Freude der Kinder, die jeden auch noch so winzigen Hügel nutzen, um zu rodeln. Ganz anders die Erwachsenen, die mit der stoischen Miene der Norddeutschen alles so nehmen, wie es kommt. Und es kommt in diesem Monat ziemlich dicke. Autoreifen mit wenig Profil, eine Tatsache, die in der DDR-Mangelwirtschaft zum Alltag gehört, schlittern trotz geübter Wagenlenker auf den vereisten Straßen. Den starken Kaltblütern, die noch immer hier als Zugpferde gute Dienste leisten, geht es keinen Deut besser. Sie müssen trotzdem ihre schweren Wagen, bestückt mit Braunkohlenbriketts oder Bierfässern, über die holprigen zugewehten Wege ziehen. Ihr Atem dampft und scheint wenig später in der Luft zu gefrieren. Die dickeingepackten Kutscher lassen die Peitsche nur wenig kreisen. Dieses Geräusch reicht schon, um das Gespann voranzubringen. Die Pferde spüren, dass ihr Tagwerk bald ein Ende hat.
Helga Richter, eine junge kleingewachsene Frau im grauen Mantel, der ihr über dem weitausladenden Babybauch spannt, setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um die Aschespur zu benutzen, die nur spärlich das glatte Eis auf dem Fußweg abschwächt. So fühlt sie sich geschützt. Nur gut, dass viele Hausbewohner die Asche aus den Kohleöfen sammeln und damit die Wege für die Passanten etwas sicherer machen. Mit der einen Hand balanciert die Vorsichtige ihr Gewicht aus, in der anderen Hand hält sie das Netz mit einem Kohlkopf, einigen Mohrrüben und schrumpeligen Äpfeln. Sie kommt vom Einkaufen aus dem Obst- und Gemüsekonsum und will nach Hause. Es ist nicht mehr weit, nur noch hinüber auf den anderen Fußweg und um die nächste Ecke. Gedankenverloren und im Geiste schon Weißkohleintopf kochend, tritt sie auf die Straße und übersieht das Fuhrwerk. Zum Glück beweist der Kutscher, dass er seine Pferde beherrscht, sie kommen zum Stehen. Aber die Hochschwangere kann sich nicht auf ihren Beinen halten, sie fällt, zum Glück nur auf den Popo. Ihr Schrei ist laut und durchdringend und die Vitamine kullern ungebremst über die Straße. Zupackende Hände stellen die Unglückliche wieder auf die Füße und sammeln die Ware ein. Ihren Bauch abtastend, den Kopf über ihre Unvernunft schüttelnd, zieht sie die Zipfel des Kopftuches fest. Wie angewurzelt steht sie, sicher ein Schock. Die Helfer schauen ratlos, doch es kommt Hilfe in Gestalt einer weiteren Frau. Die Ähnlichkeit der Beiden in Aussehen und Statur ist verblüffend, nur das Alter verrät, dass es Mutter und Tochter sind. Sie fallen sich weinend in die Arme. Inzwischen ist die Zuschauermenge beträchtlich gewachsen. Weder die Eiseskälte noch das Schneetreiben scheint sie zu stören. Erst als die Schwangere ihren Helfern dankt, von ihrer Mutter an die Hand genommen wird und sich langsam auf den kurzen Weg nach Hause begibt, gehen auch die Gaffer schnell ihres Weges. Nur dampfende Pferdeäpfel bleiben von dem Malheur übrig.
Aber der 15. Januar ist noch lange nicht zu Ende. Die Dunkelheit kommt an diesem klirrend kaltem Wintertag schnell und gnadenlos. Das spüren die Insassen im Haftarbeitslager in Berndshof, einem Ortsteil von Ueckermünde, doppelt hart. Ein Trupp Bausoldaten, der sich den Ordnungsübungen mit Holzgewehren verweigert, muss zur Strafe zwei Stunden stumm im eisigen Wind stehen, darunter Rainer Eppelmann, späterer Pfarrer und Bürgerrechtler. Erst durch einen unfreiwilligen Beobachter, der mit seinem Auto mehrere Male am Lagerzaun vorbeifährt, weil er solch ein Tun schlimm findet und sich das Ganze nicht erklären kann, fühlen sich die Bewacher gestört und beenden daraufhin diesen Willkürakt.
Dieser Beobachter im grauen Barkas fährt nachdenklich nach Hause, parkt später sein Auto und beschließt bei Hanne „Ums Eck“ ein, zwei Feierabendbiere zu trinken und etwas zum Abend zu essen. Auf Fritz Butzke wartet keine Frau, der 44jährige ist geschieden. Seine kleine Wohnung ist bei den frostigen Temperaturen ausgekühlt, heute Morgen hatte er eilig das Haus verlassen und keine Zeit gehabt, den Kachelofen mit in Zeitungspapier gewickelten Kohlestücken und Holzscheiten zu befeuern. Also ab, zur Wirtin und zu den Kumpels in seine Stammkneipe. Warmer Rauch und lautes Stimmengewirr schlagen ihm entgegen, als er die Tür öffnet. Am Stammtisch findet er noch einen Platz neben Egon Richter, seinem Skatfreund. Ein Gedeck, Bier und Korn, stehen kurze Zeit später vor ihm. Die Wirtin ist auf Zack und außerdem richtet sie ihr weibliches Augenmerk auf den Frauenlosen. In einem Zug kippt er den Kurzen und den halben Liter hinterher. Hanne bringt Nachschub, Fritz klopft ihr dankend auf das runde Hinterteil und bestellt eine große Portion Erbsensuppe mit Bockwurst und Brötchen. Er braucht jetzt etwas Warmes. Wenig später löffelt er die Suppe und sticht sich mit dem Löffel große Stücke von der heißen Wurst ab. Zwischendurch beißt er ins Brötchen und berichtet kauend, was er vorhin in Berndshof unfreiwillig gesehen hat. Er lässt seinem Unmut freien Lauf, wie Menschen bei solcher Kälte behandelt werden, dass würde ihn an den DEFA-Film „Nackt unter Wölfen“, ans KZ erinnern. Er beißt sich gleich darauf auf seine Zunge, Egon ist doch linientreuer Genosse. Aber der schaut unbeteiligt und zieht gedankenverloren an seiner „Caro“ und später gibt er eine Stammtischrunde aus, bevor er sich auf den Nachhauseweg macht. Früher als sonst, aber das ist verständlich, seine Frau ist hochschwanger und deren Mutter Trude ist dazu noch zu Besuch. Er reicht Hanne seinen Bierdeckel, er lässt anschreiben und wird seine Zeche erst nach dem nächsten Lohn bezahlen. Er schlägt mit der Faust zum Abschied auf den Tisch und weg ist er. Seine Schwiegereltern Paul und Trude mögen es gar nicht, dass er sich so unters Volk mischt. Er hat jetzt dank seines Schwiegervaters einen guten Posten als Parteisekretär im hiesigen volkseigenen Ziegelwerk und sollte Vorbild sein.
Egon Richter schlägt grummelnd den Mantelkragen mit beiden Händen um seinen Hals, seine gute Laune ist schlagartig weg. Es ist bitterkalt, hat wieder zu schneien begonnen und der Alkohol macht ihn ein wenig schwankend. Seine Beine wollen nicht so wie er es gern möchte und er friert. Wut kriecht langsam in ihm hoch und macht sich breit. Sein dicker Wollschal hängt zu Hause am Kleiderrechen. Helga hätte ihn doch darauf aufmerksam machen können, heute Morgen. Aber so sind Weiber und schwangere ganz besonders. Er runzelt seine Stirn zornig, denn er denkt an seine Schwiegermutter, die ihm gleich mit ihrem dummen Geschwafel den restlichen Abend vergällen wird. Aber es kommt ganz anders.