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War das ein Leben - Inhalt

 

Ein Tag im Juli

7

Naugard

10

Bei den von Goedickes

62

Frida und Günter

110

Der neue Lebensweg

131

Zeitenwende

137

Kriegszeit

149

Flucht aus Pommern

172

Fahrt ins Ungewisse

184

Neue Heimat Sebnitz

189

 

 

 Die Protagonisten

 

Familie Pautz

Vater Ernst

Mutter Hilde

Tochter Erna mit Theo und Brigitte

Tochter Hiltrud mit Emil und Ännchen

Tochter Frida

 

Familie Pansch

Vater Heinrich mit Tinka

Sohn Walter

Tochter Eva

Sohn Günter

 

Günter und Frida Pansch

Sohn Horst

 

Adolf von Goedicke

Gertrud Butzlaff

Josef (Sepp) Kaiser

     Annemarie Krumpe

Naugard

 

War das ein Leben, damals im Stettiner Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Jahre sind voll von neuen, neumodischen Sachen. Erst schüttelt man verwundert den Kopf, aber dann gleich wenig später hat man sich schon damit angefreundet. So passiert es auch in der Familie von Ernst Pautz und seiner Frau Hilde. Der stolze Lokführer, mit preußischen und pommerschen Tugenden ausgestattet, fährt pflichtbewusst und pünktlich tagein, tagaus seine Lok mit den vielen Waggons quer durchs flache, grüne Land mit den Feldern und Seen auf den schier endlosen Schmalspurgleisen; vollgepackt mit Vieh, Getreide, Kartoffeln, aber auch mit modernen Düngemitteln und Gerätschaften, die ganz langsam, aber stetig den Pferden und der Muskelkraft den Rang streitig machen.

Die Familie wohnt in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Bahnhofs von Naugard, in der Wohnsiedlung „Gute Hoffnung“. Sie ist erst vor ein paar Jahren gebaut worden, als die Stadt aus allen Nähten platzte. Hier hat Hilde für ihre Familie ein heimeliges Nest gebaut. Sie leben, wie in einem schönen Märchen beschrieben, glücklich. Vater, Mutter und die Töchter. Erna, die älteste, ist 1898 geboren, Hiltrud, zwei Jahre später und die kleine Frida, das heißgeliebte Nesthäkchen, im heißen Juli 1912. Es wird gelebt, geliebt, gelacht und natürlich, wie könnte es anders sein, auch gezankt. So könnte es eben ewiglich weiter gehen.

Aber dann am 20. Juni 1917 ändert ein Brief dieses beschauliche Leben von jetzt auf gleich. Vater Ernst erhält seine Einberufung an die Westfront. Bis zu diesem Tag haben alle gehofft, dass sein wichtiger Beruf einen Fronteinsatz verhindert. Das Bündel wird geschnürt und tränenreich, aber natürlich mit der Hoffnung, dass er unversehrt wieder aus dem Krieg zurückkommt, verabschiedet sich der Soldat.

Frida in ihrem blaugestreiften Kittelkleid steht dabei, dreht die Schleifenbänder an ihren blonden Zöpfchen und wundert sich, dass keiner, weder Schwestern noch Mutter und der heißgeliebte Vater, ihr Aufmerksamkeit schenken. Sie stellt sich auf Zehenspitzen und zieht Mutter am Schürzenband. Aber die scheint es nicht zu bemerken, sondern schnieft ins Taschentuch. Endlich kommt ihr Vater zu ihr und hebt sie zu sich hoch, herzt und küsst sie. Sein schwarzer, gezwirbelter Schnurrbart kitzelt ihr im Gesicht. Er sagt noch zu ihr, sie solle lieb und artig zur Mutter sein. Abends vor dem Schlafengehen solle sie ihn mit ins Gebet einschließen, denn er muss in den Krieg, fürs Vaterland, für Deutschland. Dann ist er weg.

Das Leben geht weiter. Mutter Hilde greift jetzt wieder öfter zu Nadel und Faden und setzt sich an ihre Singernähmaschine. Aber nicht nur, um für die Familie zu nähen, nein, auch für die Nachbarschaft. Der Krieg ist jetzt überall spürbar, es fehlt an vielen Dingen. Zwar werden die Menschen satt, es gibt Kartoffeln, Kohl, Brot, Fett und ab und zu auch Fleisch, aber an vielen anderen Dingen für das tägliche Leben herrscht Mangel. Also ist es gut, wenn eine geschickte Frau aus alt neu machen kann. Es wird geändert, Säume werden verlängert und Bekleidung wächst nicht nur von Kind zu Kind mit, die Sachen werden regelrecht vererbt. So kann es schon mal sein, dass der Enkel Opas Konfirmationsanzug zu seiner eigenen Konfirmation trägt. Nur die Hosenbeine sind bei ihm viel zu kurz, denn „Fritzchen“ ist viel größer geraten als sein Vorfahre.

So hat Mutter Hilde immer gut zu tun, da kommt Groschen zu Groschen. Die sparsame Frau zwackt den einen oder anderen ab, um ihn zu den anderen in die Zigarrenkiste zu legen. Dabei werden jedes Mal ihre Augen feucht, sie denkt an ihren Ehemann, der in dieser abgegriffenen Schachtel seine obligatorische Sonntagsnachmittagszigarre aufbewahrte. Sie denkt an die unbeschwerte Zeit, als sie glücklich alle fünf an den dienstfreien Wochenenden unterwegs waren. Quer durch die beschauliche Stadt oder hinaus ins Grüne, am Naugarder See entlang; den geflochtenen Korb und eine Decke für eine Rast unter schattigen Bäumen dabei.  Selbstgemachte rote Limonade aus Kirschsaft, die sie scherzhaft Bärenblut nannten, löschte den Durst und leckere Butterbrote wurden verspeist. Vater Ernst paffte zum Abschluss seine dicke nach Vanille duftende Zigarre. Unter Tränen lächelt Mutter Hilde, als ihre Erinnerung dieses Bild für sie malt. Schnell klappt sie den Deckel der Zigarrenkiste zu und eilt wieder an ihre Arbeit.

Die kleine Frida hat gar nicht mitbekommen, dass sie schon eine ganze Weile ohne die Mutter hier sitzt. Sie ist mit sich selbst beschäftigt und träumt gern vor sich hin. Sie braucht dazu keine Menschenseele. Mit bunten, schillernden Knöpfen und Garnrollen spielt sie. Heimlich greift sie zur großen Schneiderschere mit dem breiten, gezackten Maul. Das ist für sie der Drache, der die weiße Schneiderkreide frisst. Die kleine Blondgelockte ist ein stilles Kind, das sehr gerne hier in der Stube am Fenster sitzt und sich Geschichten ausdenkt. Abends im Bett erzählt sie ihrem Vater, der doch weit fort von ihr ist, was sie am Tag erlebt hat und bittet den lieben Gott, den sie sich als einen alten Mann mit weißem Wallebart vorstellt, so ähnlich wie der Bahnhofsvorsteher hier am Bahnhof von Naugard, dass er ihren Vater beschützt.

Vom Vater hören sie ein paar Wochen nichts. Aber das sei nun mal so im Krieg, machen sie sich gegenseitig Mut. Dann endlich, Mitte Juli, kommt ein Brief. Der Briefträger, der jeden Tag von der Mutter gefragt wird und der nie etwas dabeihatte, übergibt ihr diesmal wortlos einen Umschlag. Mutter greift zu, reißt ihn auf, liest und sagt zunächst kein Wort. Sie hält den Brief an ihre Brust und schreit auf. Dann nimmt sie Frida in ihre Arme und drückt die Fünfjährige fest an sich. Vater ist tot.

Auf dem „Schlachtfeld der Ehre hat er einen leichten Heldentod gefunden“, so steht es in dem Brief geschrieben und auch, dass er seine ewige Ruhe auf dem Schlachtfeld in Frankreich gefunden hat.

Frida versteht das alles nicht, besonders weil sie doch jeden Abend für ihren Vater beim lieben Gott um seine Gesundheit gebetet hat. Mutter ist jetzt Witwe und seit diesem Tag ist sie nur noch schwarz gekleidet. Sie ist ab jetzt eine andere Frau, die nie mehr beim Nähen singt und keine Träume mehr für sich hat. Für Frida ändert sich zunächst nicht viel. Ihre beiden älteren Schwestern hingegen, spüren das Schicksal stärker. Die 19jährige Erna muss sich im Herbst von ihrem Verlobten Theo verabschieden, der einberufen wird. Sie wollten eigentlich in diesem Sommer heiraten, hatten es aber nach Vaters Tod aus Trauer und Respekt verschoben. Hiltrud, die zwei Jahre jüngere, die nie viel geredet hat, ist jetzt noch wortkarger, lebt zurückgezogen und hilft der Mutter beim Nähen. Nur mit der Mutter und den beiden Schwestern spricht sie.

Mutter Hilde plagen noch andere Sorgen und auch ihr gütiges Lächeln hat sie verlernt. Die Zukunft ihrer älteren Töchter bereitet ihr großes Kopfzerbrechen. Sie möchte beide gut versorgt wissen und sie nicht als alte Jungfern versauern und verblühen sehen. Also überlegt sie hin und her, betet zu Gott mit der Zuversicht, dass er ihr helfen wird. Hoffentlich kommt Theo, Ernas Verlobter, heil aus dem Krieg zurück und sie können dann heiraten, so hofft sie. Sie streckt ihre Fühler aus, um auch für die stille Hiltrud einen Mann zu finden. Da wäre ihr schon eine große Sorge genommen, wenn es gelingen würde. Um die Ecke hier im Ort lebt ein kinderloser Witwer, der wegen eines Beinleidens nicht in den Krieg ziehen musste. Eine Schönheit ist er zwar nicht, aber er macht einen soliden Eindruck und bekommt darüber hinaus eine gute Pension. Das wäre doch die Lösung, um Hiltrud unter die Haube zu bringen. 

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